Nachdem die Flugzeugführer-Schulen
am 5. Juli 1944 wegen Spritmangel geschlossen wurden - ich stand
kurz vor der Umschulung auf die Ju 88 - komme ich nach mehreren
Zwischen-Stationen in Prag, Brandenburg-Briest, Altengrabow und
Quedlinburg am 7. April 1945 nach Perleberg an der Elbe.
Dort werden gerade zwei „Panzer - Bekämpfungsstaffeln"
aufgestellt, um die von allen Seiten anrückenden feindlichen
Panzer aus der Luft abzuschießen. Wer mag nur auf die Idee
gekommen sein, dafür unser kleines Schulflugzeug „Bücker
181" einzusetzen? Man denkt an Kamikaze¬Flieger in Japan,
die sich inzwischen unter Selbstaufopferung auf feindliche Schiffe
stürzen!
Nach unserer Ankunft stellen sich die beiden Staffel-Kapitäne
vor und erklären kurz Sinn und Zweck des Unternehmens. Dann
besichtigen wir einige Maschinen, die inzwischen in der Werft umgebaut
wurden. Auf den Ober- und Unterseiten der Tragflächen sind
je zwei Panzerfäuste befestigt, insgesamt also vier Stück.
Sie sind mit zwei dünnen Drähten verbunden, die durch
die Stoffbespannung der Kabine gesteckt, vor den Sitzen liegen und
zum Auslösen dienen. Beim Hochziehen beider Drähte feuern
alle vier Panzerfäuste los! Auf der Motorhaube hat man als
„Kimme und Korn" Flacheisen aufgeschweißt. Die
Panzerfäuste sind so justiert, dass sie auf
80 - 100 m zusammentreffen. An eine sonstige Bewaffnung der Maschine
hat man nicht gedacht, sie ist wohl überflüssig. Das ist
also die neue Wunderwaffe.
Da die Zeit drängt, soll die Staffel binnen einer Woche einsatzklar
sein. Es heißt also, sofort ans Werk zu gehen. Am nächsten
Morgen ist Unterricht über taktischen Einsatz und Panzererkennungsdienst
- wir hatten noch nie einen feindlichen Panzer gesehen! Um Jagdflugzeugen
zu entgehen, sollen die Einsätze in der Morgendämmerung
oder nach Sonnenuntergang geflogen werden. Im Tiefstflug sollen
wir uns - jeden Wald und jedes Gehöft als Deckung suchend -
an einen Panzer heranmachen, gleich zum Angriff ansetzen und in
80 - 100 m Entfernung wenigstens zwei Panzerfäuste abschießen.
Danach sofort in einer Steilkurve kehrtmachen, denn sollte ein Panzer
in die Luft fliegen, könnte man durch die Wucht der Detonation
selbst getroffen werden. Natürlich verspricht man uns auch
einen angemessenen Lohn: nach 10 Abschüssen das Ritterkreuz.
Am Nachmittag ist Flugdienst, wobei das Anfliegen des Panzers in
Form eines Baumes geübt wird. Gegen 18 Uhr bin ich an der Reihe.
Ich starte mit einem Leutnant, als plötzlich in etwa 20 m Höhe
der Motor steht. Vor uns in bedrohlicher Nähe der umzäunte
Platzrand, dahinter eine Waldschneise mit etwa 1 m hohen Baumstümpfen.
Der Leutnant übernimmt sofort das Steuer und nach einem Bodenkontakt
der linken Tragfläche kommen wir etwa 10 m vor dem Zaun mit
einem gewaltigen Ruck zum Stehen. Nur eine Sekunde später wäre
das der sichere Tod gewesen. Der Leutnant hatte das Tanken vergessen!
Am nächsten Morgen stellt unser Hauptmann fest, dass bei 10
Maschinen 21 Flugzeugführer
zur Staffel gehören. Es muss also einer ausscheiden, und da
ich als 20jähriger der Jüngste der Gruppe bin, fällt
die Wahl auf mich. Nach der ersten Enttäuschung soll sich bald
herausstellen, dass das mein Glück war! Ich brauche keinen
Dienst zu machen, und als ich einmal eine Maschine auf den in der
Nähe liegenden Übungsplatz überführe, liegt
dort ein totaler Bruch auf der Wiese. Beim Anflug des Baumes hatten
zwei erfahrene Fluglehrer, ein Leutnant und ein Oberfeldwebel, die
Maschine nach dem Abschuss überzogen - die Leichen liegen in
einer Scheune. War es vielleicht der Leutnant, mit dem ich ein paar
Tage vorher beinahe zu Tode gekommen war? Nach wenigen Tagen ist
die Staffel kampfbereit, doch weiß ich nicht, ob sie jemals
Einsätze geflogen hat. Es wäre ein „Himmelfahrtskommando"
gewesen!
Inzwischen stehen die westlichen Streitkräfte kurz vor der
Elbe, doch spricht im Fliegerhorst niemand von Verteidigung. Genau
eine Woche nach meiner Ankunft in Perleberg gehe ich in den Wald
und besorge eine dort abgestellte He 111. Auf der Flugleitung erhalte
ich nach meinem Wunsch (!) einen Flugbefehl nach Rostock. Bevor
wir mit 5 Flugzeugführern starten können, wird die Maschine
mit Kanonen und Maschinengewehren ausgerüstet - doch fehlt
leider jede Munition. Nach einem Tiefflug landen wir am Abend in
Neustadt-Glewe, wo gerade noch feindliche Mustangs über dem
Platz waren und wir anschließend noch ein paar Abschüsse
beobachten. Es ist fast noch dunkel, als wir am nächsten Morgen
nach Rostock fliegen. Der Flugleiter liegt noch im Bett und wir
hören am Radio, dass gerade der letzte, große Ansturm
auf Berlin begonnen hat. Rostock-Marienehe ist ein Platz der Heinkel-Werke
und wir können hier nicht bleiben. Man schickt uns weiter nach
Warnemünde, wo wir am Mittag des 17. April - genau drei Wochen
vor Kriegsende - ankommen.
Wir melden uns bei der Horstkompanie und erfahren, dass in Warnemünde
gerade zwei Nachtschlacht-Staffeln mit „Bücker 181"
aufgestellt werden. Da sind wir ja gerade richtig! Am nächsten
Morgen komme ich zum Nachtschlacht-Kommando 1 unter Hauptmann Bachmann.
Es ist nicht zu fassen, der Feind sitzt uns unmittelbar im Nacken,
aber die Luftwaffe gibt nicht auf. Wir sollen mit der kleinen Sportmaschine
in der Nacht Bomben werfen! So hat man zwischen dem Fahrwerk Aufhängevorrichtungen
für drei 50 kg Bomben geschaffen, die über einen Knopfdruck
am Steuerknüppel elektrisch ausgelöst werden. Wie bei
großen Bombenflugzeugen besitzt die Maschine ein Reflexvisier
(Revi) zum Anpeilen des Zieles. Die Flugzeugführer sind sämtlich
Fluglehrer und kommen von Schulen, die aufgelöst wurden. Ich
bin der einzige Gefreite, fliegerisch, dienstgrad- und altersmässig
auch hier der Jüngste der Gruppe.
Nach zwei Tagen beginnt das Übungswerfen mit Betonbomben. Am
Strand ist als Ziel ein großes, weißes Tuch ausgelegt.
Bei einem zusätzlichen Gewicht von 150 kg ist die kleine Bücker
völlig überlastet und es dauert sehr lange, Höhe
zu gewinnen. Nach Erreichen von 1300 m stürze ich unter 45°
bis auf 1000 m - das Ziel immer im „Revi". Dann Abfangen
und nach drei Sekunden Auslösen einer Bombe am Druckknopf des
Steuerknüppels. Jetzt soll die Bombe im Ziel liegen - theoretisch!
Dann geht es noch zweimal auf 1300 m um die restlichen Bomben zu
werfen. Es stellt sich heraus, dass alle meine Würfe viel zu
kurz liegen. Da die Einsätze ausschließlich in der Nacht
geflogen werden sollen, proben wir die Abwürfe auch noch in
zwei Nächten. Durch einen Feuerschweif an den Bomben ist der
Einschlag genau festzustellen.
Wer sich das nur ausgedacht hat! Wir sollen ohne Funkgerät
nachts gegen den Feind fliegen und bei irgendeinem erkennbaren Ziel
die Bomben im Sturzflug abwerfen. Das alles als Sportflieger und
ohne eine einzige Waffe! Wie aber nach Hause zurückkehren?
Dazu wollte man auf dem Flugplatz eine Lampe anmachen - wir mussten
sie nur finden. Ein ähnlicher Wahnsinn wie in Perleberg!
Am 28. April ist die Staffel kampfbereit, scharfe Bomben liegen
auf dem Platz, doch es kommt
von keiner Seite ein Einsatzbefehl. Zwei Tage später lässt
Hauptmann Bachmann am Abend antreten und teilt uns mit, dass die
Staffel am nächsten Morgen nach Dänemark verlegt.
Um vier Uhr ist Wecken und wir holen die Maschinen aus den Hallen.
Da der Flug über die
Ostsee geht und man sich bei Annäherung an ein Schiff durch
eine Leuchtkugel identifizieren muss, empfange ich eine Leuchtpistole,
doch die entsprechende Munition ist leider ausgegangen. Wir sind
etwa 30 Bücker 181 und drei Siebe1204, die an diesem Morgen
des 1. Mai 1945 in Richtung Dänemark starten. Alle unbewaffnet
und ein einziger Jäger hätte fette Beute machen können!
Schon am Abend vorher hatten zahlreiche Luftnachrichten-Helferinnen
von der Sache gehört und uns um Mitnahme gebeten. Leider gibt
es für mich keine „Co-Pilotin", als ich gegen 6
Uhr allein starte. Nicht ahnend, dass die Russen nur noch wenige
Kilometer entfernt sind, drehe ich in aller Ruhe eine Platzrunde
und gehe dann auf Nordkurs. Ziel ist die Südspitze von Falster,
wo wir uns nördlich des Hafens Gedser - in Bötö -
auf einer großen Wiese treffen sollen. Die Flugzeit ist mit
ca. 25 Minuten berechnet. Ich fliege in einer Höhe von etwa
150 m und kann keine unserer Maschinen entdecken. Stattdessen liegen
plötzlich zwei Boote auf meinem Kurs, und man schießt
mit eine rote Leuchtkugel vor die Nase. Wer bist Du? Jetzt fehlt
mir die Erkennungs-Munition, die „Parole" auf See, die
alle vier Stunden die Farbe wechselt. Doch fliege ich einfach weiter
und sehe plötzlich, wie auf einem der Boote ein MG-Schütze
zu schießen beginnt. Sofort reiße ich die Maschine in
einer Steilkurve nach rechts. In der geringen Höhe hätte
man mich unbedingt herunterholen müssen, doch waren es bestimmt
deutsche Boote, die nur Warnschüsse abgegeben und weit genug
vorgehalten haben!
Nach wenigen Minuten kommt der Hafen von Gedser in Sicht und ich
lande sicher auf der bezeichneten Wiese. Am Vormittag fliegen zwei
Siebe1204 noch einmal zurück nach Warnemünde, um weitere
Mädchen abzuholen. Jetzt erfahren wir, dass der Platz gegen
11 Uhr gesprengt wurde und der Russe mittags in Warnemünde
einmarschierte.
Hauptmann Bachmann hat uns gerettet - und wir sind sicher, dass
wir jetzt den Krieg überstanden haben. Am 5. Mai kommt die
Meldung, dass die deutschen Streitkräfte in Holland, Nordwestdeutschland
und Dänemark kapituliert haben und dass seit 8 Uhr Waffenruhe
herrscht. Drei Tage später beginnen wir am 8. Mai den langen
Fußmarsch durch Dänemark bis Schleswig-Holstein, wo ich
nach einigen Wochen entlassen werde, um am 2. Juli wohlbehalten
nach Hause zu kommen.
Es war mein großes Glück, den beiden - wenn auch noch
so verrückten - Sonderkommandos „Bücker 181"
anzugehören, denn sonst wäre ich mit großer Sicherheit
in russische Gefangenschaft geraten und unter Umständen noch
im Kampf gefallen. Insofern denke ich noch häufig an die kleine,
treue Bücker zurück und frage mich, was wohl aus den 30
Maschinen geworden ist, die wir in Dänemark zurücklassen
mussten. Jedenfalls gehörten wir wohl zu den letzten Bücker-Fliegern
des Krieges.
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