| Märkische Allgemeine Zeitung
vom 04. Februar 2005
Leserbriefe
Zu „Für und Wider
um Bücker“ Carl Clemens Bücker verdient eine Ehrung
In den vergangenen Wochen wurde in der MAZ wiederholt zur Frage
einer Bücker-Ehrung in Rangsdorf berichtet. In den Veröffentlichungen
wurde wiederholt auf das Bücker-Museum und unseren Förderverein
Bücker-Museum Rangsdorf e.V. Bezug genommen. Es wurden in der
Argumentation gegen eine Bückerschule und Bückerstraße
auch Behauptungen aufgestellt, die nicht unwidersprochen bleiben
können. All das veranlasst uns zu einer Stellungnahme.
Zunächst ist festzustellen, dass die Verdienste
von Carl Clemens Bücker als Flugzeugkonstrukteur und der positive
Ruf seiner Flugzeuge in der ganzen Welt in Vergangenheit und Gegenwart
nicht bestritten werden können. Ebenso kann nicht übersehen
werden, dass Bücker der größte Arbeitgeber des Ortes
wurde und die ersten geschlossenen Wohnsiedlungen anlegen ließ.
Kritische Bemerkungen in der Diskussion gab es vor allem zu zwei
Fragen, der Rüstungsproduktion und der Beschäftigung von
Zwangsarbeitern im Krieg.
Dazu darf daran erinnert werden, dass diese Fragen
erstmalig in den vergangenen neunziger Jahren durch den Gründungs-
und heutigen Ehrenvorsitzenden unseres Vereins, Dr. Siegfried Wietstruk,
untersucht und dargestellt wurden. Bis dahin gab es in der Literatur
der Bundesrepublik ausschließlich Veröffentlichungen
über die Bücker-Flugzeuge mit entsprechenden technischen
Details. Sein Verdienst ist es, die Geschichte des Bücker-Werkes
zusammenfassend in seinem 1999 erschienenen Buch „Bücker-Flugzeugbau.
Die Geschichte eines Flugzeugwerkes“ veröffentlicht zu
haben. Darin, wie auch in unserem Museum, wird über die Kriegsproduktion
ebenso informiert wie über die Zwangsarbeiter. Als wir nach
der Museumseröffnung ein Modell des Werkes schufen, haben wir
bewusst nicht den Zustand vor 1939, sondern in der Kriegszeit gewählt,
um unter anderem auch das Ostarbeiterlager auszuweisen.
Es darf auch daran erinnert werden, dass die beiden
Baracken auf dem Gelände des Ostarbeiterlagers auf Vereinsbetreiben
zunächst unter Denkmalschutz gestellt wurden, bis sich herausstellte,
dass es sich nicht um Originalbaracken handelte. Die Darstellung
zu den Zwangsarbeitern im Museum wäre übrigens nicht ohne
die Kontakte zu einem Dolmetscher im Werk und nicht ohne Nutzung
von Schreiben ehemaliger Zwangsarbeiter möglich gewesen. Schließlich
sei darauf verwiesen, dass Dr. Wietstruk am 26.Januar 2003 in einem
Schreiben an die Vorsitzende des Sozialausschusses der Gemeindevertretung
für das geplante Wohngebiet an dieser Stelle nicht nur eine
Bückerstraße, sondern auch eine Gedenktafel zur Erinnerung
an das Ostarbeiterlager vorschlug.
Achim Reichardt braucht uns also keine Empfehlung
für eine Beschäftigung mit den Zwangsarbeitern und dem
Widerstand zu geben. Vermutlich kennt er nicht die Veröffentlichungen
und hat weder die Dauerausstellung noch die Sonderausstellung über
Rangsdorf und den militärischen Widerstand gegen Hitler in
unserem Museum gesehen. Da hat wohl eher Herr Reichardt etwas nachzuholen.
Übrigens ließ nicht Bücker, wie
an anderer Stelle geschrieben, „verstorbene Zwangsarbeiter
seiner Fabrik später in Gräben verscharren“. Das
entschieden ganz andere Leute.
Zu einer anderen Frage: Professor Dr. Gerhart Hass
behauptet, dass die Gleitbomben Henschel Hs 293, für die Teile
in Rangsdorf gefertigt wurden, „als so genannte V-Waffen gegen
Großbritannien eingesetzt wurden“.
Für einen Historiker, der als Experte für
den Zweiten Weltkrieg gilt, ist es schon erstaunlich, diese, speziell
für Schiffsziele entwickelte und von Trägerflugzeugen
gegen Seeziele eingesetzte Bombe, deren Eigenantrieb gerade zehn
Sekunden Brenndauer besaß, mit den auf Großbritannien
abgefeuerten Fernraketen V 1 und V 2 gleichzusetzen. Vielleicht
sollten er und auch Herr Reichardt sich in Peenemünde darüber
sachkundig machen, was Hitlers Vergeltungswaffen wirklich waren.
Übrigens hatte ich 2004 die Gelegenheit an einem Bücker-Treffen
in England teilzunehmen, der 70.Jahrestag des Erstfluges der Bü-131
Jungmann wurde zelebriert. Dort sieht man in C.C.Bücker einen
für die Luftfahrt bedeutenden Flugzeugkonstrukteur und Produzenten
und ehrt dessen ingenieurtechnische Leistung. Eine Bedrohung Englands
durch Bückers Flugzeuge oder dessen Kriegsproduktion wird überhaupt
nicht empfunden.
Wenn wir uns zu einigen unwahren Behauptungen in
der Diskussion äußern, so bedeutet das keineswegs ein
Negieren von Bedenken gegen eine Bücker-Ehrung. Es muss aber
gestattet sein, sachlich seine unbestrittenen und auch heute noch
im In- und Ausland anerkannten Leistungen für die deutsche
und auch schwedische Luftfahrtgeschichte einschließlich für
Rangsdorf mit der nie bestrittenen Tatsache abzuwägen, dass
er nach Heimkehr aus Schweden in Berlin-Johannisthal und dann in
Rangsdorf in der Zeit des Faschismus produzierte und die Ergebnisse
schließlich auch einer verbrecherischen Kriegspolitik nutzten.
Wir wissen aber auch, dass mit Kriegsbeginn Entwicklung
und Produktion in den Luftfahrtbetrieben durch das Reichsluftfahrtministerium
und das Oberkommando der Luftwaffe bestimmt wurden. Zentralistisch
geregelt wurde nach Kriegsausbruch auch der Einsatz der Arbeitskräfte
und damit auch die Zuteilung von Zwangsarbeitern aus den eroberten
Gebieten. Deshalb betrachten wir Bückers Verzicht auf die Konstruktion
von Kampfflugzeugen ebenso mit Respekt wie seinen Widerstand gegen
die Absicht, das Rangsdorfer Werk voll in die Jagdflugzeugproduktion
einzubeziehen.
Er ist deshalb für uns kein Widerständler.
Er sollte aber auch nicht zum Nazi abgestempelt werden. Als Bücker
durch einen von ihm Bevollmächtigten aus Berlin, in einem Schreiben
vom 20.Juni 1946 an den Landrat des Kreises Teltow, Einspruch gegen
die Beschlagnahme des Rangsdorfer Werkes einlegen ließ, hieß
es unter anderem zur Begründung, dass Bücker weder Mitglied
der NSDAP noch einer ihrer Gliederungen war. Uns ist bis heute nichts
Gegenteiliges bekannt geworden.
Der Vorstand unseres Fördervereins Bücker-Museum
Rangsdorf ist nach wie vor der Meinung, dass in Rangsdorf, auch
über das Museum hinaus, an Carl Clemens Bücker und damit
an das Rangsdorfer Flugzeugwerk erinnert werden sollte. Eine Möglichkeit
ist, eine der künftigen Straßen zum oder im Bücker-Gelände
mit dem Namen Bückerstraße zu versehen.
Letztlich sei noch angemerkt, dass die Rangsdorfer
Realschule sich selbst um den Namen Bückerschule bemüht
hat, unser Verein den Titel Bücker also nicht an die Schule
vergeben wollte.
Knut Hentzschel,
1.Vorsitzender Förderverein Bücker-Museum
Rangsdorf
Zu „Für und Wider
um Bücker“ und zu Sympathien mit der Waffen-SS in Spremberg
Instinktlos und beleidigend
Hiermit möchte ich Ihnen meine unmissverständliche Meinung
zu der Diskussion über C. C. Bücker mitteilen:
Ich bin im Oktober 1924 geboren, bin ehemaliger
Widerstandskämpfer gegen Krieg und Faschismus und im Oktober
1944 in Italien vom Kriegsgericht wegen so genannter „Zersetzung
der Wehrkraft“ und Fahnenflucht in Abwesenheit zum Tode verurteilt
worden. Im Antifaschisten-Camp 379 in Ägypten, wohin die Engländer
sämtliche in Griechenland und Italien gefangen genommenen Antifaschisten
transportiert hatten, haben wir uns damals immer wieder geschworen,
dass sich so etwas wie der Faschismus in Deutschland nicht wiederholen
darf. Ich war und bin über diese Diskussion entsetzt wie empört!
Zu der Umfrage: Es ist mehr als beschämend, wenn darüber
diskutiert wird, ob man einen erwiesenen Nazi durch eine Namensgebung
ehren soll oder nicht, der seinen Namen durch bücken vor den
Nazis schon genug zweifelhafte „Ehre“ getan hat.
Denjenigen in Rangsdorf und Umgebung, die darüber
diskutieren, anstatt von vornherein eine Stellung dagegen zu beziehen,
muss politische Instinktlosigkeit und Beleidigung all derjenigen,
die im Widerstand gegen die Geißel der Menschheit Hitlerfaschismus
gestanden haben, bescheinigt werden. Es ist mehr als beschämend,
dass überhaupt der Gedanke an eine solche Ehrung aufkommen
konnte. Das beweist, in was für einer Gesellschaft wir leben.
In was für einer Gesellschaft wir leben, hat auch vor einigen
Monaten die Tatsache gezeigt, dass ein Fraktionsvorsitzender einer
christlichen Partei seine ungebrochene Sympathie für die im
Nürnberger Kriegsverbrecherprozess als kriegsverbrecherische
Organisation erklärte Waffen-SS mit dem Bau eines Denkmals
für diese Organisation zu dokumentieren gedachte und –
das dies überhaupt keine nennenswerten Folgen für Egon
Wochatz (67) in Spremberg hatte.
Das Einzige, was der Herr Minister als Mitglied
derselben Christpartei dazu zu sagen wusste, war ein „du,
du, das darfst du aber nicht!“ Damit hatte es sich für
den Nazisympathisanten erledigt. Spremberger Bekannte sagten mir
zu, Wochatz habe seinen Fehler inzwischen eingesehen. Fehler? Wenn
es ein Jugendlicher wäre, könnte man freilich darin einen
Fehler erblicken, aber nicht bei einem 67-Jährigen, der zwölf
Jahre lang Bürgermeister war und obendrein eine relativ hohe
Parteifunktion bekleidet.
Das Verhalten hätte seinen Rausschmiss aus
der Christenpartei, zumindest aber seine Enthebung von seiner Funktion
zur Folge haben müssen, zumal Wochatz laut Meldung in der Märkischen
Allgemeinen das Ansehen Deutschlands mit diesem Verhalten im Ausland
erheblich geschädigt hat.
Bezeichnend für diese Gesellschaft ist auch,
dass es zu dieser Schande nach meiner Kenntnis – und ich verfolge
tagtäglich die Leserpost – keine Meinungsäußerungen
aus dem Kreis der Leser gegeben hat, wohl aber die Äußerung
der PDS-Abgeordneten Frau Steinbrückel im Landtag. Dass sie
sich gern an ihre Kindheit in der DDR erinnere führte dazu,
dass die Frau durch den CDU-Landtagsabgeordneten Dieter Dombrowski
sowie in einigen Leserbriefen „verprügelt“ wurde.
Von wegen Meinungsfreiheit. Das alles erinnert
mich nämlich auch daran, wie ich Ende Oktober 1944 in einem
Durchgangslager der Engländer von Mitgefangenen zweimal wirklich
verprügelt worden bin, weil ich mich offen als Antifaschist
bekannt und von meinem Uniformrock den Pleitegeier abgetrennt hatte.
Helmut Bobbenkamp,
Rangsdorf
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