| Märkische Allgemeine Zeitung
vom 11. November 2003
Muss sich Denkmalschutz wirtschaftlich rechnen?
Oder: Eigentum verpflichtet!
RANGSDORF Mit einem Leserbrief
in der MAZ unter dem Titel „Weniger ist diesmal mehr“,
wandte sich am 16. Oktober Herr Bähr, Objektverantwortlicher
bei der Brandenburgischen Bodengesellschaft Wünsdorf (BBG),
an die Öffentlichkeit und erläuterte seine Vorstellungen
zur Zukunft der denkmalgeschützten Bauten des Rangsdorfer Bücker-Flugzeugwerks.
Er beschrieb darin, dass acht Gebäude auf dem Gelände
als Denkmale geschützt sind, deren Zustand jedoch heute wegen
des langzeitigen Leerstandes desolat ist und durch Vandalismus das
Erscheinungsbild erheblich beschädigt ist, obwohl für
die Bewachung und Bestandssicherung von 2000 bis 2002 insgesamt
300.000 Euro ausgegeben wurden. Es sei nun vorgesehen, unter Nutzung
von Fördermitteln der EU und des Landes sowie des Arbeitsamtes
das Gelände zu beplanen, zu erschließen und der vorwiegend
gewerblichen Nutzung zuzuführen. Herr Bähr schreibt, dass
vorher jedoch die Altlastenbeseitigung und der teilweise Abbruch
erfolgen müssen. Aus seiner Sicht sollen die wichtigsten vier
Gebäude erhalten und für die vorstellbare Umnutzung vorbereitet
werden. Die restlichen drei Gebäude, dabei zwei Hallen, sollen
abgebrochen werden, um Freiflächen für die Gewerbeansiedlung
verfügbar zu haben. Der Verkauf dieser Flächen sei für
die Refinanzierung der Entwicklungskosten notwendig.
Der Förderverein Bücker-Museum Rangsdorf e.V. begrüßt
ausdrücklich die derzeitigen Bemühungen der BBG, das ehemalige
Bücker Werksgelände einer neuen Nutzung zuzuführen.
In diesem Punkt sind sich sicherlich alle einig – ein Erhalt
der Gebäude setzt eine sinnvolle Nutzung voraus, und diese
muss schnellstmöglich gefunden werden. Die Notwendigkeit einer
Nutzung zeigt sich auch darin, dass das Industrieensemble die Nutzung
bis 1994 durch das russische Militär sehr gut überstanden
hat, im Gegensatz zur der Zeit danach im Eigentum des Bundes und
des Landes. Der einzige Punkt mit dem wir, als historisch interessierte
Rangsdorfer Bürger, ein Problem haben, ist die geplante Vernichtung
von Denkmalen – einmal abgerissen sind sie unwiederbringlich
verloren und unsere Gemeinde wäre um diese Anziehungspunkte
und Zeugnisse unserer Kultur ärmer. Dieses Industriedenkmal
ist in Deutschland einzigartig; das modernste Flugzeugwerk seiner
Zeit ist heute ein Zeugnis der damaligen Industriearchitektur, welches
im Gesamtensemble aus den Bücker-Werkswohnungen in der Walter-Rathenau-Strasse,
dem Bücker-Verwaltungsgebäude, dem Kasino ("Kameradschaftshaus"),
der Produktionshallen I, II und III, der Einfliegerhalle und des
Flugfeldes, auch heute noch etwas besonderes ist. Es sind noch alle
wesentlichen Bauten des ehemaligen Bücker Werkes erhalten!
Zu diesem ehemaligen Flugzeugwerk gehören auch untrennbar die
direkt an das Flugfeld grenzenden Hallen mit ihren großen
Schiebetoren und den direkt davor liegenden befestigten Abstellflächen,
die an das ebenfalls unter Denkmalschutz stehende Gras-Flugfeld
des ehemaligen Rangsdorfer Flugplatzes grenzen.
Als Begründung für den geplanten Abriss der unter Denkmalschutz
stehenden Bauten führt Herr Bähr in seinem Leserbrief
an, dass das Hauptproblem dieses Entwicklungsprojektes die Ansiedlung
von Investoren sei. Die Erfahrungen aus dem letzten Jahrzehnt und
die aktuelle Situation in der Immobilienbranche würden deutlich
zeigen, dass desolate alte Hallen unverkäuflich sind. Exakte
Vergleichsberechnungen hätten ergeben, dass neue Gewerbehallen
deutlich billiger sind als die Instandsetzung der vorhandenen Denkmale.
Deshalb sei es notwendig, den Denkmalschutz auf das Wesentliche
und wirtschaftlich Machbare zu konzentrieren.
Diese Begründung möchten wir gerne hinterfragen und aus
unserer Sicht kommentieren. Eine Unverwertbarkeit der Gebäude
sehen wir nicht – so gab es in den letzten Jahren viele Interessenten
für die unter Denkmalschutz stehenden Hallen, sowohl in der
Zeit als das Gelände in Bundeseigentum war, als auch danach.
So bemühten sich z.B. Rangsdorfer Firmen nach Abzug des russischen
Militärs um die Nutzung der Objekte. Hier seien stellvertretend
die Firma Schulz-Reisen, Dach-Grassmann und Kreuzenstein genannt.
Zum damaligen Zeitpunkt passte jedoch die Ansiedlung von Gewerbe
dem Bund nicht ins Konzept. Jahrelang wurde davon gesprochen auf
den Flächen zwischen Bücker-Werk und Rangsdorfer See Wohnbauten
für Bundesbedienstete zu errichten die ihren Wohnsitz von Bonn
nach Berlin verlegen würden – ein angrenzendes Industriegelände
hätte da gestört. Auch Rangsdorf hat sich damals, wie
unser scheidender Amtsdirektor in der MAZ sagte, viel zu sehr auf
Wohnen im Grünen und Tourismus orientiert – das Ergebnis
ist bekannt.
Nachdem 1999 das Eigentum des Geländes in das Sondervermögen
des Landes Brandenburg überging, setzte man auf den hohe Gewinne
versprechenden „kleinparzelligen" Wohnungsbau auf der
Konversionsfläche und favorisierte gemeinsam mit dem ehemaligen
Bürgermeister die Neuansiedlung von Bürgern. Damit sollte
die Höhe der Schlüsselzuweisung für Rangsdorf erhöht
werden - in Zeiten knapper Kassen ein Trugschluss, wie sich heute
zeigt. Im Jahr 2000 folgte der Versuch der Firmen Bücker-Flugzeugbau
und Fahrzeugrestaurierung Rosenow sich im Werk anzusiedeln. Auch
unser Förderverein war daran interessiert historische Gebäude
als Museum zu nutzen; es wurde eine Interessengemeinschaft gegründet.
Die Firma Rosenow lies durch Architekten für mehrere tausend
Euro Pläne zur Rekonstruktion einer heute zum Abriss vorgesehenen
Halle erstellen, scheiterte jedoch an überzogenen Kaufpreisvorstellungen
der BBG. Die Firma Bücker-Flugzeugbau scheiterte an der Notwendigkeit
einen Werksflugplatz zu betreiben, um die im Rahmen der Fertigung
gebauten Sportflugzeuge nach Schönhagen zum Einfliegen zu überführen.
Schlussendlich verlies die Firma Rosenow Rangsdorf um in Glienicke
zu expandieren und als weltweit anerkannter Spezialbetrieb erfolgreich
tätig zu sein. Bücker-Flugzeugbau ist weiterhin in Polen
tätig und erhält im Rahmen des EU-Beitritts Fördermittel
zur Expansion des Betriebes. Heute ist die Anzahl der Arbeitskräfte
in beiden Betrieben schon höher als noch im Jahr 2000 für
die Zukunft erwartet wurde.
Bei aller Kritik möchten wir jedoch auch das Engagement der
BBG bei der Erhaltung der ehemaligen Bücker-Werkssiedlung erwähnen.
Hier wurden durch ein Wohnungsbauunternehmen denkmalgeschützte
Gebäude vorbildlich saniert und einer erneuten Nutzung zugeführt.
Auch das unter Denkmalschutz stehende ehem. „Haus des Deutschen
Aero Clubs“ befindet sich heute in der Sanierung, um die Räumlichkeiten
eines Privat-Gymnasiums zu ergänzen. Ebenso ist zu erwähnen,
dass es an einzelnen Gebäuden Sicherungsmaßnahmen gab,
wie z.B. die Reparatur des Daches am Kasino ("Kameradschaftshaus").
Trotz dieser Einzelerfolge und Einzelmaßnahmen wurde jedoch
insgesamt zu wenig für den Erhalt der Denkmale getan. Die Summe
von 300.000 Euro für die Jahre 2000-2002 war nicht ausreichend
um das Gelände zu Bewachen und die Gebäude vor dem Verfall
zu sichern. Eigentum verpflichtet jedoch, und so hätte entweder
ein größerer Aufwand für die Bestandssicherung betrieben
werden müssen, oder man hätte sich frühzeitig mit
Interessenten, wie z.B. den oben genannten Firmen, einigen müssen
um große Teile der Bauten zu belegen und somit vor dem Verfall
zu retten. Herr Bähr schrieb, dass den Kosten für die
Bestandssicherung keine Einnahmen gegenüberstanden und somit
höhere Ordnungsaufwendungen wirtschaftlich nicht vertretbar
wären – hierbei wird jedoch übersehen, dass es zum
einen sehr wohl Einnahmen aus dem Gelände gab, nämlich
den Verkauf von Flächen an die Gewobag und die Seeschule Rangsdorf,
und zum anderen, dass das Eigentum eines Denkmals auch zu dessen
Erhalt verpflichtet, auch wenn sich das einzelne Denkmal im Moment
nicht selbst wirtschaftlich trägt. Die BBG verwaltet und verkauft
eine ganze Reihe von landeseigenen Liegenschaften im Land Brandenburg;
mit Sicherheit kann aus diesen Geschäften Gewinn erwirtschaftet
werden, der zum Erhalt eines bedeutenden Industriedenkmals im Land
verwendet werden könnte.
Herr Bähr schrieb, dass sich die BBG mit der Gemeinde über
eine grundsätzliche Änderung der Verhältnisse verständigt
hätte; wir hoffen, dass den Gemeindevertretern auch wirklich
bewusst war, worauf man sich verständigt hatte. Aus diesem
Grund freuen wir uns auch sehr über die im Leserbrief erstmalige
offene Darlegung der rein wirtschaftlichen Gründe für
den geplanten Abriss. Dies war nicht immer so; vorher wurden z.B.
in der Beschlussvorlage 100/03 zum Fördermittelantrag zur Erschließung
des Geländes andere Gründe herangezogen, wie z.B. eine
Kontaminierung der ehem. „Endmontagehalle“ durch eine
frühere Galvanik. Kosten für die Entsorgung des 'belasteten
Sondermülls’ der „Endmontagehalle“ sind jedoch
interessanterweise nicht geplant worden. In der Kostenaufstellung
im Anhang finden sich jedoch Kosten für den Abriss der ehemaligen
„Sonderbau“ Halle; eine Begründung für den
Abriss wurde nicht gegeben und der Abriss dieser Halle wurde im
Text nicht erwähnt. Diese Art der Darstellung trägt nicht
zur Transparenz bei und es ist davon auszugehen, dass einigen derer,
die für diese Beschlussvorlage gestimmt haben, nicht klar war,
dass zwei denkmalgeschütze Hallen für den Abriss vorgesehen
sind. In seinem Leserbrief vom 16. Oktober schreibt Herr Bähr,
dass von acht Denkmalen die wichtigsten vier Gebäude erhalten
werden und die restlichen drei abgebrochen werden sollen –
ist uns da was entgangen?
Zum Abschluss seines Leserbriefs schreibt Herr Bähr „Wenn
… diese Entwicklung mit diesem unverzichtbaren Abbruchanteil
verhindert wird, …, dann kann auf diesem Gelände überhaupt
keine Verbesserung erwartet werden. Vermutlich wird es wegen Verfalls
in überschaubarer Zeit keine Gebäude der Bücker-Werke
mehr geben. …“ Wir bedauern, dass die BBG die Notwendigkeit
sieht eine solche klare Drohung auszusprechen um ihrem Bemühen
um eine Abrissgenehmigung Nachdruck zu verleihen. Wir hoffen, dass
die bestehenden Gesetze zum Denkmalschutz eine solche Vorgehensweise
wirkungsvoll verhindern können.
Muss sich Denkmalschutz wirtschaftlich rechnen? Wir meinen: nein!
Denkmale zu sanieren, zu erhalten und zu betreiben wird immer mit
Kosten verbunden sein. So wird z.B. auch der Brandenburger Dom jährlich
mit großen Geldbeträgen bezuschusst. Trotzdem kommt niemand
auf die Idee dieses Bauwerk abzureissen, weil es sich selbst wirtschaftlich
nicht trägt. Durch den Erhalt der Denkmale wird unsere Geschichte
und Kultur für die Zukunft und für die folgenden Generationen
erhalten.
Im Vorfeld der Wahlen boten alle Rangsdorfer Bürgermeisterkandidaten
an, zusammen mit allen Beteiligten – der BBG, dem Denkmalschutz,
der Gemeinde, dem Kreis und den verschiedenen Rangsdorfer Interessensgruppen
– ein Nutzungskonzept für das ehem. Bücker-Werksgelände
gemeinsam zu erarbeiten. Hierfür stehen wir im Interesse des
Denkmalschutzes gerne zur Verfügung. Nach der Wahl sind nun
die Karten im Rangsdorfer Parlament neu gemischt. Die Bedeutung
von Bücker für Rangsdorf wie auch die Notwendigkeit von
Gewerbe ist von den Fraktionen erkannt worden, waren Wahlprogramm.
Gemeinsam wollen wir nun das Programm umsetzten und uns für
den Erhalt aller Denkmäler durch eine sinnvolle Nutzung einsetzen.
Knut Hentzschel,
Dr. Stefan Friedrichs,
Förderverein Bücker-Museum Rangsdorf e.V.
www.buecker-museum.de
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Dieser Text beinhaltet die Original-Stellungnahme des Vereins.
Diese Stellungnahme ist leicht gekürzt als Leserbrief in der
MAZ / Zossener Rundschau vom 11.11.2003 veröffentlicht worden.
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