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Märkische Allgemeine Zeitung vom 24. April
2002
Leserbrief von Michael Krüger, Rangsdorf
Ein geschichtsloser Ort ist auch gesichtslos
Rangsdorf Das Rangsdorfer Bückerwerk und
zwei dazugehörige Zwangsarbeiterbaracken stehen unter Denkmalschutz.
Das geschah wegen der Luftfahrt -und militärhistorischen, orts-
und achitekturhistorischen und nicht zuletzt baukünstlerischen
Bedeutung von Gebäuden und Gelände. Schon 1995 gab es
Streit zwischen dem Bundesvermögensamt und Rangsdorf einerseits
und der Denkmalschutzbehörde andererseits.
Das Verwaltungsgericht anerkannte die Bedeutung des Geländes.
Der jetzige Verwalter ist die landeseigene Gesellschaft BBG, welche
auch für die Vermarktung zuständig ist. Dabei steht der
Denkmalschutz im Weg. Mit dem Einvernehmen der Gemeindevertretung
könnte er aufgeweicht werden. Die BBG fragt also an, ob die
Gemeindevertreter dem Abriss der beiden Zwangsarbeiterbaracken zustimmen
würden. Die Begründung ist immer die gleiche: störender
Anblick, marode, Gefahr für Leib und Leben, verbotenerweise
spielende Kinder und in vorhandenem Zustand kaum sinnvoll nutzbar.
Wohlgemerkt, es handelt sich um Gebäude, die durch eine Kreisbehörde
unter Zuarbeit des Landeskonservators und durch rechtswirksames
Urteil des Verwaltungsgerichtes Potsdam unter Schutz gestellt wurden.
Dessen ungeachtet folgte der Gemeinderat dem Ansinnen der BBG mehrheitlich.
Am 21. März beschloss er mit einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen
einem vorgesehenen Abriss zuzustimmen. Die Art, in der man bisher
in Rangsdorf mit Historie umgegangen ist, bestätigt sich erneut.
Eine Gastwirtschaft wurde aus dem erhaltenswerten Dorfkern entfernt,
das alte Seebadcasino brannte ab, als nächstes wird der größte
Teil des Gutshofes den Abrissbagger zu spüren bekommen, und
mit dem angrenzenden Bauernhof steht es auch nicht zum Besten.
Geht man in Potsdam spazieren, fällt auf, wie versucht wird,
jede einzelne Fassade zu erhalten. Oder Velten: Dort hat man die
historische Fassade von Bauernhäusern in einen Neubau eingebunden.
Fragt man Neubürger oder Tagestouristen, was ihnen an Rangsdorf
gefällt, reden sie meist von der Natur und dem weitestgehend
unversehrten Ortskerm. Kann man ihnen dann noch Begebenheiten aus
der Ortsgeschichte erzählen und dazu gehören Geschichten
über das Bücker- und Flugplatzgelände, dann erntet
man Erstaunen.
Nicht so ein großer Teil der Gemeindevertretung. Einer meinte
sinngemäß, man solle die alten Geschichten endlich lassen.
Sollte das die Einstellung der meisten Rangsdorfer Einwohner sein?
Ich bezweifle es. In Rangsdorf hat jüngste Geschichte Deutschlands
in geballter Form stattgefunden und ist noch ablesbar. Erinnert
sei an den Bau der Militäreisenbahn, die Auflösung des
Rittergutes mit Parzellierung und daraus folgender Besiedlung, die
Entwicklung als Naherholungsgebiet, den Hochgeschwindigkeitstest
der Bahn, den Bau des Bückerwerkes und Flugfeldes mit Aeroclub,
die Nazidiktatur und den Krieg.
In Rangsdorf wohnten Mitglieder des Widerstandes der Gruppe um Stauffenberg,
deren Attentat untrennbar mit Rangsdorf und dessen Flugplatz verbunden
ist. Ebenso gehören die in der Kriegsproduktion des Bückerwerkes
eingesetzten Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen dazu, mit deren
Schicksal sich bisher nur wenige beherzte Bürger Rangsdorfs
befassten. Ich gebe zu, dies ist ein unangenehmer Teil unserer Geschichte,
aber gerade deswegen besonders bedenkenswert.
Es gäbe vielleicht weniger Straftaten mit rechtsradikalem Hintergrund,
wenn wir Gedenkstätten ernster nehmen würden, sie mit
Kindern mehr besuchten und darüber mit ihnen sprechen würden.
Auch Erwachsene benötigen immer wieder den Gedankenaustausch
darüber.
Authentische Gebäude an authentischen Orten als Zeitzeugen
sprechen lassen. Sollte das in Rangsdorf unmöglich sein? Warum
könnte nicht ein Museum in den besagten Baracken einziehen?
Ist es undenkbar, Bücker- und Europäisches Eissegelmuseum
in Verbindung mit einem Heimatmuseum dort eizurichten? Ein geschichtsloser
Ort ist ein gesichtsloser Ort!
Michael Krüger, Rangsdorf
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